Sarah in Frankreich
Als ESK-Volontärin bei Maison de l’Europe in Bordeaux/Frankreich - Sarah nimmt uns mit
Lange gefiel mir die Idee eines ESK-Projektes. Nach der Matura erhielt ich überraschenderweise ein Stipendium für ein Auslandsstudium in Großbritannien, weshalb ich mein geplantes Projekt in Schweden absagte. Aber die Idee eines Solidaritätsprojektes ließ mich auch über die drei Jahre meines Bachelorstudiums nicht los. Nach meinem Abschluss packte ich also erneut meine Koffer – diréction Bordeaux! Mein Französisch war gut und die Idee, in einer französischen Stadt zu leben, gefiel mir. Ich hatte das Glück, als Teil der europäischen Botschafter*innen am „Maison de l’Europe Bordeaux-Aquitaine (MEBA)“ (Haus Europas in Bordeaux) aufgenommen zu werden – eine Struktur, die es sich zum Ziel gemacht hat, durch eine Vielzahl an Workshops, Veranstaltungen und Sprachencafés die lokale Bevölkerung für Werte wie Offenheit, Toleranz und Solidarität zu sensibilisieren.
Im September 2025 kamen wir, 12 junge Europäer*innen aus allen Ecken Europas, von Georgien über Schweden bis hin zu Spanien, zum ersten Mal zusammen. Ich erinnere mich noch gut an meine Ankunft und den Einzug ins „Crous“, ein vom Staat betriebenes Studierendenwohnheim nahe dem Zentrum von Bordeaux. Unsere Wohnungen im Wohnheim, die bereits perfekt ausgestattet waren, teilten wir uns zu zweit. Ich hatte sogar ein eigenes Badezimmer!
Die ersten Wochen in Bordeaux waren spannend. Die hübsche Stadt nahe der Atlantikküste Frankreichs überzeugt nicht nur durch ihren Wein, sondern vor allem durch ihren schönen Stadtkern mit sandfarbenen Häusern, filigranen Balkonen und einer beachtlichen Anzahl an Cafés und Restaurants. Bordeaux wird nicht umsonst „kleines Paris“ genannt.
Die ersten zwei Monate als europäische Botschafterin waren dem Training und Kennenlernen gewidmet. Wir besuchten eine Reihe an Schulungen, die immer lustig und lehrreich waren, und wurden in Strategien der Videobearbeitung, des Auftretens und des Konfliktmanagements eingeführt. Das Ziel war schließlich, selbst spannende Workshops für junge Menschen zu halten. MEBA ist in der Region bestens vernetzt und meine Chefin Lucia gab uns die Möglichkeit, eine Reihe an weiteren Organisationen kennenzulernen, zum Beispiel das lokale Radio oder das Haus der Natur. Nach zwei Monaten begann die aktive Phase des Projekts – das heißt, wir starteten unsere sogenannten „Interventionen“. Interventionen sind das Herzstück der Arbeit bei MEBA. Dazu zählen Workshops in Schulen zu europäischen Kulturen und Sprachen, Sprachencafés, Radioshows und ein Radprojekt in Kooperation mit einer weiteren gemeinnützigen Organisation. Unser Tagesablauf war divers, nie glich ein Tag einem anderen. Zum Beispiel kam es vor, dass ich mit einigen meiner Kolleg*innen morgens an einer Schule Apfelstrudel, spanische Tortilla und Pizza backte und wir von unseren Kulturen erzählten. Danach durchquerten wir die Stadt und sprachen beim Lokalradio über Feminismus und Vorurteile in Europa. Der Tag endete mit einem Sprachencafé, bei dem wir durch Spiele und Aktivitäten entweder Englisch oder unsere Erstsprache unterrichteten.
Besonders schätzte ich die Diversität der Aktivitäten und Menschen, die ich kennenlernen durfte. Bei MEBA ging es nicht darum, in einer einzelnen Struktur für ein Jahr tätig zu sein. Stattdessen leitete ich Workshops, besuchte Schulen und unterrichtete Englisch in der gesamten Nouvelle-Aquitaine Region. In ruralen, urbanen, armen und reichen Schulen lernte ich Schüler*innen aus den unterschiedlichsten Milieus mit Lebensrealitäten kennen, die sich kaum mehr voneinander unterscheiden könnten. Ich sprach mit Lehrer*innen, die mir von Bildungsungerechtigkeiten, budgetären Kürzungen und Konflikten berichteten. Ich traf Kinder, für die wir – junge Erwachsene aus Europa – so etwas wie Aliens waren. „Sprecht ihr wirklich Englisch untereinander?“, wurden wir nicht nur einige Male gefragt. Außerdem genoss ich es, mit Schüler*innen jeden Alters zu arbeiten, die unterschiedliche Anforderungen an meine Workshops stellten. Von den Dreijährigen der „école maternelle“, dem französischen Kindergarten, über Mittelschüler*innen bis hin zu jenen in der Abschlussklasse war jedes Alter dabei. Meistens verfolgte ich dabei ein einfaches pädagogisches Ziel – den Kindern die Möglichkeit geben, Europa in ein oder zwei Unterrichtsstunden zu entdecken. Manchmal nahm das die Form eines Kochkurses mit Gerichten aus verschiedenen Ländern an, andere Male bereitete ich Quizze, Bilderbücher, Präsentationen oder Spiele vor. Mit jeder Unterrichtsstunde wurde ich sicherer und mein Französisch besser. Die Rückmeldung der Schüler*innen ermöglichte es mir, mich ständig zu verbessern.
Ähnlich erging es mir bei den Sprachencafés. Ich schätze es, Sprachen zu lernen und entdeckte während dieses Jahres, wie viel Spaß es mir macht, diese auch zu unterrichten. Die Sprachencafés fanden in und außerhalb von Bordeaux in Bibliotheken statt und waren immer gut besucht. Zu Beginn schüchterte mich die Vorstellung, Sprachspiele anzuleiten und ganze Gruppen an Erwachsenen zu managen ein. Jedoch war die Rückmeldung der Teilnehmenden immer so positiv, dass ich mich auf jedes Café freute. Ich lernte einige meiner besten Freund*innen dort kennen.
Eines meiner Hauptziele für dieses Jahr war es, meine Sprachkenntnisse in Französisch zu verbessern. Mein Level war gut, jedoch fühlte ich mich im Alltag beim spontanen Sprechen überfordert. Diese Sorgen waren jedoch unbegründet. Aufgrund der Art des Projekts und der verschiedenen Aktivitäten hatte ich die Möglichkeit, in den unterschiedlichsten Situationen Französisch zu sprechen, Gruppen anzuleiten und sogar Veranstaltungen zu organisieren. Die Highlights des Jahres waren nämlich das „europäische Dorf“ am Europatag, dem 9. Mai, wo wir in Bordeaux‘ Stadtzentrum Stände mit Gerichten aus Europa, Musik und Spielen organisierten, sowie ein Bingo-Event zur österreichischen, schwedischen und belgischen Kultur (zusammen mit zwei meiner Kolleginnen).
Gleichzeitig war der Besuch beim Radio, der fast wöchentlich anstand, anfangs eine sprachliche Herausforderung. Die komplette Organisation der 30-minütigen Show war uns überlassen – wir wählten Thema, Moderator*in und Musik aus. Jedoch begann ich nach einiger Zeit, diese Aktivität besonders zu schätzen, weil sie es uns ermöglichte, auf großer Plattform über Themen zu sprechen, die uns wichtig waren – soziale Gerechtigkeit, der Zusammenhalt Europas oder Umweltbewusstsein.
Auch außerhalb von MEBA war dieses Jahr eine Bereicherung. Es war mir ein Anliegen, meine Komfortzone zu verlassen und französische Freund*innen kennenzulernen. Deshalb trat ich dem lokalen Laufclub bei, schloss mich einem Debattierklub an und ging regelmäßig zu Kochkursen. Das half nicht nur meinen Sprachkenntnissen. Ich lernte coole, junge Leute kennen, die mir einen noch tieferen Einblick in die französische Kultur gaben. Zu meinen besten Freund*innen aber wurden meine Kolleg*innen – das Tür-an-Tür Wohnen, das gemeinsame Arbeiten, Reisen und das fast tägliche „Hast du Lust auf einen Kaffee?“ schweißte uns immer näher zusammen und machte den Abschied umso schwerer.
Oft wird als Hauptziel eines Austausches oder Auslandsjahres das Erlernen von interkultureller Kompetenz – kurz gesagt, der kompetente Umgang mit Unterschieden, die sich in der Arbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen auftun, genannt. Ich bin dankbar, dass ich während meines Jahres in Frankreich nicht nur die französische Kultur, sondern auch jene meiner Teammitglieder kennenlernen durfte. Jedoch prägte mich die Begegnung mit so vielen Französinnen und Franzosen, die alle zwar Teil der französischen Kultur sind, aber dennoch in ihrer eigenen Sub-Kultur, ob reich, arm, urban, rural, jung oder alt, leben, am meisten. Diese Erfahrung hat mein Weltbild nachhaltig geprägt und mich noch weiter motiviert, mich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass ein ESK-Projekt nicht nur direkt nach der Schule, sondern auch danach eine tolle, bereichernde Erfahrung sein kann. Für mich war das zweite Mal Leben im Ausland – nach drei Jahren Studium in England – sehr wertvoll und prägend. Vielleicht ermöglichte mir die Tatsache, 3 Jahre älter zu sein, bereits alleine gewohnt zu haben, bereits mehr Lebenserfahrung gesammelt zu haben, etwas anderes, mehr aus diesem Jahr zu machen, als ich es damals nach der Schule hätte können. Egal wie alt, ein ESK-Projekt zahlt sich immer aus!








